Frauke Sondermann im Interview | Rat Hund Tat
Frauke Sondermann im Interview

Frauke Sondermann im Interview

Der Kampf gegen die Ungleichbehandlung der Hundetrainer geht weiter. Und, so wie es aussieht, kommt Bewegung in das Projekt. Die Zahl der sich wehrenden Trainer steigt, doch wurde ihre Petition bei leider nicht erfüllt.

Für die Leser, die den Kern der Problematik noch nicht erfassen konnten, veröffentlichen wir ein Interview mit Frauke Sondermann. Als langjährige Hundetrainerin traf sie die neue Regelung in voller Härte. Ihre Geschichte ist, wie wir finden, ein Paradebeispiel der ungerechten Vorgehensweise in der Umsetzung der Veterinärämter des §11.

RHT: Wann kam, bei Dir Frauke, der Wunsch, als Hundetrainerin arbeiten zu wollen auf?

Frauke: Wie wohl bei ganz vielen Hundetrainern geriet auch ich, durch meine Eltern, bereits im Kindesalter an einen Hund. Ich war 10 Jahre, als ich mit unserem lieben, jedoch gänzlich unerzogenen Schnauzermix das Hundetraining begann. Bei einem nahegelegenen Schäferhundplatz guckte ich hin und wieder, quasi als Zaungast, zu. Ich hatte zwar keine Ahnung wie das alles dort funktionierte, aber mein erstes Erfolgserlebnis war, dass unser Hund auf mein Kommando Platz machte. Doch damals waren die Zeiten ganz anders.

Frauke Sondermann mit ihren Hunden

Frauke Sondermann mit ihren Hunden

Es gab viel Gewalt und Druck im Training.

Von Leinenruck und Stockschlägen bis zu Reizstromgeräten war alles dabei. Es war mehr eine Kasernenhof-Mentalität, als echte Erziehungspraktiken. Gehorchten die Hunde nicht, wurde man des »schlechten Materials« bedauert. Schon damals konnte ich die Methoden nicht gutheißen, konnte die Vorgehensweise aber noch nicht reflektieren. Und in einem Verein schwimmt man ein Stück weit ja auch im Strom der Gruppendynamik mit, was mir immer noch ein schlechtes Gewissen bereitet. Das änderte sich allerdings schlagartig durch ein Erlebnis bei der Begleithundeprüfung. Ich scherzte über die militärische Vorgehensweise – Strammstehen und, na ja, Salutieren. In einer »Männerdomäne« haben Frauen sich darüber nicht lustig zumachen. Mir ging richtig ein Licht auf. Ich verfiel in eine heftige Diskussion und 10 Minuten später verließ ich wutschnaubend den Platz. Ich bin nie wieder zurückgekehrt in den Verein. Von da an suchte ich Lesematerial zu Hundetraining und -erziehung. In der Stadtbücherei standen zig Bücher – alle untauglich. Es gab zwar bereits Strömungen zur sanften Erziehung, aber noch keine deutschen Bücher.

RHT: Klingt nach deutscher Mentalität: Befehl und Gehorsam. Bloß nicht nachfragen, kritisieren oder anders sein wollen. Und vor allem: alles schön für sich behalten. Wie ging es dann weiter?

Frauke: In der amerikanischen Literatur fand ich gute Bücher. Die amerikanischen Trainer waren bereit, ihr Wissen weiterzugeben, neue Wege gehen zu wollen, weg vom klassischen Drill. Ich fand es spannend und konnte gar nicht genug Informationen bekommen. So geriet ich an Günther Bloch. Er war einer der ersten, mir bekannten Trainer, der sein Wissen a. teilte und b. gänzlich anders unterwegs war, als andere Kollegen. Bei ihm legte ich meine ersten eigenen Spuren auf dem Weg zur Hundetrainerin. Eine sehr spannende Zeit.

Frauke im Kundengespräch

Frauke im Kundengespräch

RHT: Hundeerziehung bestand damals eher aus der Konditionierung und Zwang. Du erzähltest, dass Du Dich für die gewaltfreie Erziehung engagiertest. Wie schwer war es für Dich, sich damit durchzusetzen?

Frauke: Zunächst ging es mir darum, viel zu erfahren und zu lernen. Ich wollte Zusammenhänge verstehen, Gründe erfahren, warum Hunde so oder so reagieren. Meine Lernzeit begann 1996. Erst zwei Jahre später eröffnete ich mit einer Kollegin die erste Hundeschule. Und die schlug ein wie eine Bombe. Offensichtlich haben die Hundebesitzer nur darauf gewartet. 

Als erste Hundeschule der Stadt Hamm wurden wir natürlich missmutig von den Vereinen beäugt. Doch wir hatten immer Argumente, warum wir etwas wie taten. Das sorgte schnell für Vertrauen der Hundehalter. Echte Probleme gab es für uns damit nicht. Ich glaube, dass unsere tiefste Überzeugung an unserer Vorgehensweise die Menschen begeisterte. Zum ersten Mal bekamen die Hundebesitzer individuelle Anleitungen. Wir starteten Hausbesuche und vor allem Programme zur Welpenförderung. Also Erziehung, bevor Probleme entstehen.

Es wurden immer mehr Hundebesitzer, die auf unseren Zug der gewaltfreien, art- und wesensgerechten Hundeerziehung aufsprangen.

Doch auch heute noch gibt es die Anderen. Diejenigen, die immer noch denken, Tiere muss man beherrschen. Leider scheint diese Einstellung zu Tieren tief in den Köpfen vieler Menschen verankert zu sein. Auch wenn sich glücklicherweise sehr viel in den letzten 20 Jahren veränderte, es wird wohl immer auch die »Rabiaten« geben – leider.

RHT: Du warst in der vorteilhaften Lage von Personen wie Coppinger, Meville, Appley und anderen bekannten Experten lernen zu dürfen. Wie (und ich bin jetzt ein bissl neidisch *lach*) kommt man an diese Menschen heran?

Frauke (lacht): Du, das war gar nicht so schwierig. Aber es war natürlich klasse!!!
Damals entwickelte sich schnell ein großer Kreis gleichgesinnter Hundetrainer. Es wurde der erste Berufsverband gegründet, über den Fortbildungen und Seminare angeboten wurden. Dafür holte man natürlich namenhafte Dozenten, auch aus dem Ausland. Bei meinen Fortbildungen in England überraschte mich die extreme Sachkunde der dortigen Hundehalter, die sich prägnant von denen in Deutschland unterschied.
Ich persönlich hatte das Glück, bei Günther Bloch gelernt zu haben. Durch ihn kam ich an die internationalen Trainer und Wissenschaftler heran. Dazu zählen vor allem Ray Coppinger, Erik Zimen und Peter Neville. Aber auch ganz klar die in der Szene bekannten Stars, wie Dr. Feddersen-Petersen und eben die hoch engagierten Hundeschulkollegen, die schon eigene Seminare gaben.
Das war eine besonders aufregende Zeit. All die Menschen, die neue Ideen, Methoden und Möglichkeit aufzeigten. Die Geschichte des Hundetrainings wurde überarbeitet und ich war dabei. Wir waren hochmotiviert, insbesondere, weil wir merkten, dass wir gemeinsam etwas bewirken können und selbst international Anerkennung bekamen.

RHT: Dein Werdegang ist wirklich beeindruckend. Zu dieser Zeit wohntest Du noch in NRW. In 2002 verschlug Dich Dein Leben nach Baden-Württemberg. Was hat sich seit dem für Dich verändert?

Frauke: Viel! Viel Gutes aber auch viel Schlechtes. Vor allem, wenn man nach jahrelanger erfolgreicher Arbeit ein Schreiben in die Hände bekommt, in dem steht:«Ihre Sachkunde reicht nicht aus.« Ich dachte, ich träume. Ich hatte überhaupt keine Bedenken, als ich meinen Antrag zur Erlaubnis stellte. Immerhin habe ich in NRW die Sachverständigenprüfung absolviert, die mich berechtigte, Wesensteste für Anlage 2 Hunde, das sind Hunde der Rassen Rottweiler, Dobermann, Herdenschutzhunde u.s.w., abzunehmen. Zu meinen Aufgaben gehörte auch, die Sachkunde der Hundehalter zu prüfen. Wir waren dem Amtstierarzt gleichgestellt. Nie hätte ich damit gerechnet, dass mir schriftlich mitgeteilt wird, inkompetent und nicht sachkundig zu sein. Für mich ein ignorantes und unwürdiges Verhalten der Behörden, das an der Realität gänzlich vorbeigeht.

RHT: Findest Du die Änderung des §11 richtig und notwendig?

Frauke: Vor Jahren schon organisierten sich deutsche Trainer in Verbänden und Interessengemeinschaften, u.a. mit dem Ziel den Hundeerzieher oder Verhaltensberater als Berufsbild zu generieren. Die Politik zeigte wenig Interesse dafür. Hinzu kommt, wie es häufig bei Interessengruppierungen so ist, dass die Verbände mehr im Eigeninteresse operierten. Es wurde zu wenig politisch gedacht, was die Schaffung des Berufsbilds Hundetrainer letztendlich verhinderte. Ich stehe nicht allein mit der Meinung da. Unser Beruf darf und sollte der Tierschutzkontrolle unterliegen.

Frauke Sondermann privat

Frauke Sondermann privat

Denn es gibt diverse Hilfsmittel, die verboten werden müssten, damit sie endgültig den Markt verlassen. Und Trainer sollten ein Mindestmaß an Sachkunde besitzen. Ich glaube aber, dass es nur noch wenige gibt, die dieses Wissen nicht haben und die über zweifelhafte Fähigkeiten verfügen.

Doch die zurzeit laufende marktbereinigende Vorgehensweise in Deutschland wird diese Kollegen nicht ausfindig machen. Der Gesetzgeber hat es meiner Meinung nach versäumt, unseren Beruf über das Berufsbildungsgesetz zu definieren. Es fehlt an Rechtsgrundlagen, wodurch die Veterinärämter nicht nur überfordert sind, sondern sich nun alles zu einem Politikum entwickelt hat.
Das Wissen über unsere Arbeit wird oft, zu unrecht, belächelt. Fast alle Trainer besuchten Seminare, können belegen, dass sie fundierte Ausbildungen absolvierten und verfügen über viel Erfahrung durch jahrelange Tätigkeit. Es gäbe demnach genügend Trainer, Organisationen und Verbände, mit denen man die Erlaubniserteilungen hätte geplant strukturieren können. So wie es zurzeit gehandhabt wird, verfehlt es das tatsächliche Ziel.

RHT: Hast Du einen Vorschlag, wie man an die »schwarzen Schafe« der Branche herankommt?

Frauke: Schwarze Schafe wird es immer geben, in jedem Beruf. Selbst universitäre Ausbildungen schützen davor nicht. Denn Kompetenz entsteht nicht nur aus Faktenwissen, sondern auch aus menschlichen Facetten und Eigenschaften. Doch richtig ist, dass Hunde vor tierschutzrelevanten Methoden geschützt werden müssen. Allerdings fängt der Schutz doch schon bei den fehlenden Meldungen tierschutzrelevanter Haltung und Handhabung an.
Mein Appell gilt zunächst den Landesministerien und dem Bundesministerium, den deutschen Tierschutz auszuweiten und ihn rigoroser an dem Wesen der jeweiligen Tierart festzumachen.

Folterinstrumente wie Reizstromgeräte, Stachelhalsbänder, Endloswürger müssen gesetzlich verboten werden.

Und besonders wichtig finde ich die Aufklärung der Hundebesitzer. Sie entscheiden über das am Markt bleiben einer Hundeschule. Doch nur, wenn sie mit genügend Wissen versorgt sind, können sie zwischen gut und schlecht unterscheiden. Vielleicht würde dann so mancher Hundehalter mal zum Vet. Amt gehen und tierquälerische Methoden eines Trainers melden.
Tierschutz ist eine ernste Sache und beginnt in den Köpfen der Menschen, also auf gesellschaftlicher Ebene. Doch solange die Trainer, die mit den Vierbeinern sprechen, sie loben und bestätigen, belächelt werden, sind wir noch ganz weit von artgerechter Erziehung entfernt.
Für mich ist Tierquälerei kein Kavaliersdelikt. Es ist ein Verstoß gegen ein Bundesgesetz und nicht mit einer Ordnungsstrafe zu ahnden. Tierquälerei sollte eindeutiger unter Strafe gestellt werden.
Bezüglich der Trainer … der § 11 filtert die schwarzen Schafe nicht heraus. Kein halbwegs intelligenter Trainer ist so dumm und arbeitet mit einem Stachelhalsband in der Unterrichtsbegutachtung.
Ich plädiere für die Anerkennung bereits absolvierter Ausbildungen. Denn nur die Methodenvielfalt sichert souveräne Erziehung und Trainings. Es wäre fatal für die Hundebesitzer, sollte der Gesetzgeber etablierte Trainer vergraulen. Sie ständen ohne Ansprechpartner vor ihren Problemen.

Auf lange Sicht muss es eine Ausbildung nach dem Bundesbildungsgesetz geben. Hier ist der Gesetzgeber in die Pflicht genommen. Art- und wesensgerechte Methoden müssen überall, sowohl bei gewerblichen Trainern, als auch in Hundevereinen verankert werden. Nur so kann sich ein homogenes Feld zur Gewaltfreiheit entwickeln. Innerhalb eines vorgegebenen Berufsbilds kann es dann viele Wege der Spezialisierung geben.
Doch solange Hunde heimlich oder auch offen zu Erziehungszwecken ungestraft geprügelt werden, solange hat das Tierschutzgesetz versagt. Da hilft es dann auch nicht, wird erfahrenen und integren Trainern ihre Sachkunde aberkannt, so wie es bei mir geschah.

Du siehst, auch ich kann nicht mit einer Patentlösung dienen. Wir sollten daran arbeiten, uns zusammentun und endlich miteinander kooperieren, statt immer nur zu diskutieren. Es gibt viele Lösungswege, die unsere Veterinärämter mit den Hundetrainern beschreiten können.

RHT: Vielen Dank an Dich Frauke, für das offene Gespräch. Wir wünschen Dir und Deinen Kollegen ganz viel Erfolg bei Eurer Sache.

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