Menschentraining durch graduelle Annäherung | Rat Hund Tat
Menschentraining durch graduelle Annäherung

Menschentraining durch graduelle Annäherung

Einige Hunde mögen die Kontaktaufnahme von fremden Personen nicht. Sie wollen nicht angefasst werden oder möchten verhindern, dass ihr Mensch von der Person angefasst wird. Dabei spielt es womöglich keine Rolle, ob der Hundebesitzer diese Person kennt oder nicht.

Spielende Kinder können ebenso ein Problem darstellen wie große Personengruppen oder einzelne Personen, die sich aus der Gruppe herauslösen. Menschen mit Gehhilfen oder im Rollstuhl, mit Wanderstöcken oder auf dem Fahrrad, als Jogger oder in besonderer Kleidung - die Gründe für Verhaltensauffälligkeiten sind mannigfaltig.

Die Formen der Auffälligkeit sind ebenso so zahlreich und unterschiedlich.

Einige Hunde drängeln sich zwischen ihren Menschen und die andere Person oder springen den Fremden zusätzlich noch an. Andere Hunde zeigen unmissverständlich durch Zähne fletschen, Knurren, Bellen, Schnappen, Beißen oder auch durch Scheinattacken, dass der Fremde die erlaubte Distanz des Hundes unterschritten hat. Diese Auffälligkeiten sind nicht nur sehr anstrengend für Mensch und Hund, sondern können zur Gefahr für unsere Mitmenschen werden.

Zeigt ein Hund Aggressionsverhalten, gibt es auch Gründe dafür. Damit dem Hund geholfen werden kann, ist eine genaue Analyse der Aggressionsursache angebracht, um ein passendes Training zu gestalten. Dafür sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.

Zielsetzung

In erster Linie wird der Hundebesitzer lernen müssen, seinen Hund souverän und sicher zu führen. Die meisten Auffälligkeiten entstehen durch Unsicherheiten des Besitzers oder bei privilegierten Hunden. Diese Hunde dürfen oder sollen zu viele Situationen managen, die eigentlich der Besitzer klären sollte. Dadurch lernt der Hund, dass er für die Sicherheit der Gruppe zuständig ist.
Zeigt der Hundebesitzer Führungsqualitäten und lernt gelassener und entspannter zu sein, kann sich der Hund leichter an ihm orientieren. Damit wird der Mensch zur Bezugsperson, Vertrauen kann aufgebaut werden und der Hund bekommt mehr Sicherheit.

Hinweise

  • Solange nicht eindeutig sichergestellt ist woher aggressive Verhaltensweisen kommen, sollte keine graduelle Annäherung an Menschen geübt werden. Professionelle Hilfe und eine genaue Analyse ist Voraussetzung.
  • Es wird in gestellten Situationen mit Übungspersonen geübt. Jede Übung wird vorbereitet, damit der Hundebesitzer sein sicheres Gefühl behält, da er weiß was passieren wird.
  • Die Sicherheit der Übungspersonen hat absolute Priorität. Sie werden zuvor genau instruiert, um unverhoffte Situationen nicht aufkommen zu lassen.
  • Graduelle Annäherung braucht Zeit und Geduld. Je nach Problematik können die einzelnen Schritte kaum spür- oder sichtbar sein.
  • Der Hund ist stets durch Halsband oder Geschirr und Leine gesichert. Die Leine sollte eine Länge haben die dem Hund genügend Bewegungsfreiheit erlaubt, aber auch zur räumlichen Begrenzung dient.
  • Das Tragen eines Beißkorbs kann die Souveränität des Hundebesitzers unterstützen.
  • Es dürfen keine schmerz- oder angstauslösende Halsbänder zum Einsatz kommen. Kommt zu dem eigentlichen Stress noch Schmerz und Angst hinzu, wird kein Lernen mehr möglich sein.
  • Das Übungsgelände ist gesichert eingezäunt und bietet wenige Ablenkungsreize.
  • Es sollte genau überlegt werden wann das Verhalten des Hundes korrigiert oder besser ignoriert wird. Jede Form der Korrektur beinhaltet immer auch etwas Aggressives. Soll der Hund aber lernen nicht mehr aggressiv zu reagieren, dürfen ihm keine aggressiven Verhaltensweisen gezeigt werden.
  • Sofern korrigiert wird, muss dem Hund sofort eine alternative Handlungsmöglichkeit angeboten werden. Eine Korrektur besagt nur, dass das Verhalten des Hundes nicht geduldet wird. Damit weiß der Hund nicht, wie er sich alternativ verhalten soll.
  • Zeigt der Hund das gewünschte Verhalten, ist ein sofortiges Lob nützlich. So lernt der Hund wie er sich präsentieren soll und darf. Alternativ zu einem Lob kann mit dem Hund ein kurzes Apportierspiel oder Suchspiel nach Futterbrocken gestartet werden.
  • Vorherige Übungen durch Abschalttraining sind hilfreich, um den Hund in schwierigen Situationen entspannen zu können.
  • Die tolerierte Individualdistanz ist bekannt und wird in den ersten Stufen eingehalten.

Übungsaufbau

Zeigt der Hund aggressives Verhalten gegenüber anderer Menschen aufgrund geringer Führung des Hundebesitzers, sollte zunächst an der Mensch-Hund-Beziehung gearbeitet werden. Hier hat eine Verschiebung in der Struktur stattgefunden. Die Struktur muss erst neu aufgebaut werden, bevor über eine graduelle Annäherung eine Menschengewöhnung erreicht werden kann.

Die beschriebenen Übungssequenzen können Hunden mit Aggressionen gegenüber Menschen, die durch Angst ausgelöst werden, helfen. Durch die graduelle Annäherung wird der Hund lernen, dass sein Mensch die Personen kontrollieren kann und er die Verantwortung für die Sicherheit des Teams trägt.

  1. Hundebesitzer und Hund stehen oder sitzen in angemessener Distanz zur Übungsgruppe. Der Hundebesitzer nimmt seinen Hund in den Sicherheitsbereich und weist die Übungspersonen an sich zu bewegen. Er gibt vor welche Person sich bewegen soll und wohin. Der Hundebesitzer benutzt richtungsweisende Hand- und Wortsignale, die dem Hund bekannt sind, wie z.B. Rechts!, Vor!, Bei!, Links! und Stopp!. Der Hund bleibt hinter seinem Besitzer und beobachtet die Situation.
  2. In der nächsten Stufe werden einzelne Übungspersonen näher an das Mensch-Hund-Team herangeholt, die Individualdistanz wird verringert. Sobald der Hund eine Reaktion zeigt, wie Aufstehen aus der Sitz- oder Liegeposition oder Fixieren der Übungsperson, stoppt der Hundebesitzer die Übungsperson.
  3. Dieser Abstand wird für einen kurzen Moment aufrechterhalten, der Hund wird erneut abgesetzt oder abgelegt. Sobald er sitzt oder liegt, wird die Übungsperson zurück zur Gruppe geschickt. Weitere Personen werden herangeholt und erneut weggeschickt.
    Die gesamte Übungsgruppe bewegt sich gehend hin und her, ohne dass der Hundebesitzer die Personen im Einzelnen angewiesen hat. Die Individualdistanz wird dabei nicht unterschreiten. Der Hundebesitzer holt einzelne Personen aus der Gruppe auf sich zu, stoppt die Person und schickt sie wieder zurück. Auch hier auf die Individualdistanz achten (siehe Punkt 2).
  4. Es wird mit einzelnen Personen gearbeitet, nicht mehr mit einer Gruppe. Es werden Begrüßungssituationen nachgestellt. Die Menschen gehen aufeinander zu, der Hund bleibt in gesicherter Entfernung sitzen. Die Menschen begrüßen sich ausgiebig, mit Hand geben, einer Umarmung o. Ä. Der Hund wird dazu geholt und darf Kontakt zu der Person aufnehmen, sofern er es möchte. Er soll den Hund nicht streicheln, sondern sich nur beschnüffeln lassen.

Wurde eine stabile Annäherung erreicht, d.h. kann der Hund das Herankommen von fremden Personen ertragen ohne unerwünschtes Verhalten zeigen zu müssen, werden die Übungen in ein reizvolleres Umfeld verlegt.
Wichtig bei diesen Übungen ist das Verhalten des Hundebesitzers. Die Kontrolle über fremde Personen ist nicht nur auf dem Übungsgelände notwendig, sondern im täglichen Leben einzuhalten. Ein angstaggressiver Hund muss sich darauf verlassen können, dass sein Mensch jede Situation kontrollieren kann.

Mögliches Verhalten und Optionen

Der Hund zeigt unerwünschtes Verhalten, wenn er die Übungsgruppe sieht

  • Die Individualdistanz ist unterschritten. Der Abstand zur Gruppe wird vergrößert.

Der Hund zeigt nur aggressives Verhalten, wenn eine fremde Person Körperkontakt zum Hundebesitzer aufnimmt

  • Die Analyse des Verhaltens war nicht stimmig. Es handelt sich um eine sozial motivierte Aggression, sie ist nicht Angst induziert.

Der Hund zeigt nur Aggressionen, wenn fremde Personen ihn berühren möchten

  • Der Hundebesitzer sorgt dafür, dass sein Hund keinen Kontakt zu den Personen aufnimmt. Ebenso sorgt er dafür, dass fremde Personen sich von seinem Hund fernhalten.

Mögliche Fehlkonditionierungen

Zeigt ein Hund aggressives Verhalten, entsteht dies eher aus seinen Erfahrungen und Erinnerungen heraus. Es gibt unter Hunden einige Charaktere die jeglichen Kontakt zu fremden Personen vermeiden möchten. Der Hundebesitzer sollte das akzeptieren lernen und dafür sorgetragen, dass sein Hund keine Aggressionen zeigen muss. Nur so wird der Hund lernen, dass sein Mensch ihn als Persönlichkeit ernst nimmt. 

Es ist nicht möglich jeden Hund an alle Situationen oder Menschen so zu konditionieren, wie sich der Besitzer es wünscht.

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